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Sternstunden der Filmgeschichte

Sergio Leone

 

 

 

 

 

Diese Homepage ist dem italienischen Filmregisseur Sergio Leone (1929-1989) gewidmet.

 

Sergio Leone gilt als Unterhaltungsregisseur, doch in unserer, hier ausgeführten Sicht ist in seinen Filmen eine vielschichtige Landschaft von Problemen unserer Welt und unserer Zeit eingebaut und künstlerisch verarbeitet, dass sie uns auch heute angehen. Er selbst hat sie unter Vorhaltung einer oberflächlichen Unterhaltung in der verdeckten Form eines Kunstwerkes formuliert. Er hat es seiner Nachzeit überlassen, diesen geheimen Schatz zu heben und es den Spätgeborenen überantwortet, sie an das Licht der verbal formulierenden Rationalität zu bringen. Jedoch, auch 20 Jahre nach dem Tode des Regisseurs ist diese Untersuchung nicht beendet.

 

Sergio Leones Zielsetzung war es, ein künstlerisches Abbild der realen Welt, wie auch seine geistige Durchdringung in unserer Zeit zu geben. Doch, wie jeder moderne Künstler, hat er dazu ungeheuere Widerstände zu überwinden. Weder ist die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt leicht zu durchschauen, noch ist das Vorherrschen jeder Art von falschem Bewusstsein für sein Vorhaben hilfreich. Weder ist das Fehlen vertretbarer gesellschaftlicher Zielsetzungen, die der realen Welt eine Richtung weisen, wie etwa im amerikanischen Western das go west, noch die Abwesenheit gültiger und anerkannter moralischer Werte, die einem geistigen Leben als Grundlage dienen würde und sich etwa im Gegensatz von good und bad guy darstellen ließe, für ihn förderlich. So dreht denn Leone keine Western, sonder Italowestern, doch er hat sie nicht nur erfunden, sondern auch gleich entlarvt.

Der rigoros kommerzielle, wie auch kunstresistente Betrieb der Filmstudios, bei denen er für eine Handvoll Dollar zu drehen hat, geht Hand in Hand mit der Forderung des Publikums nach konsumierbarer Unterhaltung, die er am Box Office artikuliert. Daher hat Leone nicht nur in der Maske eines Unterhaltungsregisseurs zu erscheinen, nein, viel mehr, sein unterhaltsames Spiel auf einer, durch Begriffe nicht tangierten Oberfläche, das unreduzierbar erscheint, muss das komplexe und widersprüchliche Weltgefüge und Geisteswelt in künstlerisch verarbeiteten und also sinnlichen und konsumierbaren Bildern transportieren, die – perplex – ausschließlich ein Gleichnis seiner Ideenwelt sind. Dies ist ihm allerdings sehr gut gelungen, denn er wurde bis jetzt stets nur gelobt, doch noch nie verstanden. Er ist aber durchaus nicht nur das eine, sondern gerade das eine durch das anderer. Er präsentiert uns durchaus nicht seine Gabe, aus seinen Werken jede intellektuelle Sorge auszuschließen, sondern die Geschicklichkeit, diese lediglich unseren Sinnen zugänglich zu machen. Er ist der singuläre Unterhalter, der durch seine latente und auch Latenz seiner Weltklärung und -erklärung unterhält.

Es ist deshalb unsere Zielsetzung, seine daher bis jetzt ungreifbaren und unbegriffenen Gedankensysteme, seine bis jetzt hermetischen Kunstgebäude, die gar keine Tür, geschweige denn einen Schlüssel zu haben schienen, an das rationale Tageslicht des Erklärbaren und Erklärten, des Begreifbaren und auch rational Begriffenen zu befördern. Es ist dies die Ausbreitung des rationalen, des begrifflichen Zugangs zu Leones Kunst.

Jenseits der Siegesnachrichten des Box Office wollen wir zu den eigentlichen Gründen seiner Popularität, einer Popularität in der Breite seiner Zuschauer und in den Jahrzehnten seit der Entstehung seiner Filme vorstoßen. Jenseits des von ihm abgelehnten Schemas des klassischen Westerns, wollen wir die Dramaturgie seines, von ihm erfundenen und angeblich von ihm vertretenen Italowesterns herausarbeiten. Jenseits seiner unbestrittenen Fähigkeit zu unterhalten, wollen wir zu seinem Denken vorstoßen. Jenseits seiner angeblichen Welt des amerikanischen Westens wollen wir zu seiner eigentlichen Welt des modernen Westens verreisen. Jenseits seiner Todeswelt des totalen Amoralismus wollen wir sein Statement über Moral in der heutigen Welt darstellen. Aus alldem folgend wollen wir erklären, wie es zu einem Meisterwerk, zu seinem Opus Magnum, „Spiel mir das Lied vom Tod“ gekommen ist, zu Gestalten wie Harmonica und Bildern, wie der allberühmten Eröffnungsszene, oder der Hängungsszene, die sich in die Gehirne seiner Zuschauer für ihr Leben eingebrannt haben. Wir wollen also jenseits seines allpopulären Bildes des Zigarre rauchenden Regisseurs vor seiner Tür mit der allbekannten Aufschrift: Please knock begeben und an diese seine Tür auch anklopfen.

Mit einem Wort, wir wollen uns auf den Weg zu Leone begeben.

Du côté de chez Sergio.

 

 

 

 

 

Vorspiel auf dem Proszenium, Sergio Leone und der „Neorealismus“ der Welt

 

Sergio Leone trat während seiner Laufbahn insgesamt lediglich zwei Mal vor die Kamera. Zum ersten Mal, überraschender Weise, in dem sehr bekannten Film „Fahrraddiebe“, von Vittorio de Sicca, 1948. Der Film spielt in dem Elend der italienischen Nachkriegszeit, in der der Arbeitslose Antonio eine Anstellung als Plakatkleber erhält, wofür er allerdings ein Fahrrad benötigt, das ihm aber umgehend gestohlen wird. Der Film handelt von der ergebnislosen Suche danach und ist ein Meisterwerk des italienischen Neorealismus. Gegen die 41. Minute des Films geht ein mehr als neorealistischer Regenschauer nieder (da man aus Geldmangel auf offener Strasse gedreht hat), sodass Antonio und sein Sohn sich unterstellen. Während Antonio in der Sorge versinkt, wie er seiner Familie das Abendessen herbeischaffen soll, leisten ihm unter der Dachtraufe eine Gruppe von ausländischen Seminaristen der katholischen Kongregation Propaganda Fide, bekleidet in ihrer Seminaristentracht, Gesellschaft, die sich sorgt, sich zur Abendandacht zu verspäten. Antonio kann das gar nicht verstehen und zur weiteren Verdeutlichung ihrer Unverständlichkeit sprechen diese auch noch Deutsch (!). Die Episodenrolle des Sprechers der Seminaristen, der direkt neben der Hauptperson steht, wurde vom damals 19 jährigen Sergio Leone gespielt. Siehe Szene in: http://www.youtube.com/watch?v=ploONRiACko und http://www.youtube.com/watch?v=qkBZm2LJsHw&NR=1&feature=endscreen Diese Szene wurde von Christopher Frayling entdeckt und in seiner Leone Biographie beschrieben. So weit, so gut.

 

Leone ist nun alles andere als Neorealist, doch er ist Plagiator. Schon seinen ersten Film hat er Akira Kurosawas „Yojimba“, 1961, Szene für Szene nachgedreht. Seine weiteren Filme hat er nach Westernvorlagen gedreht und auch seinen letzten nach dem Ganovenroman „The Hoods“, 1952 von dem tatsächlichen Ganoven Harry Grey (Harry Goldberg). Nun ist er Plagiator, doch „lediglich“ im rechtlichen Sinne, denn er ist nicht jemand, dem nichts einfällt, sondern jemand, dem auf Grund einer Vorlage etwas ganz anderes einfällt, da er seine Vorlagen stets auf das gründlichste uminterpretiert hat. Und wir meinen, dass eben dies mit der Szene von 1948 geschehen ist. Denn Leone kann sich weder mit der Samuraiethik von Kurosawa, noch mit der des Westerns von Amerika noch auch der Welt der Ganoven identifizieren. Und so ist er erst recht kein Neorealist, er ist der Uminterpretator der realen Weltsicht. Nur hat die Uminterpretation dieser harmlosen Szene und der Aufbau seiner eigenen Weltsicht seine ganze Laufbahn beansprucht. Mögen die Elemente der Szene in „Fahrraddiebe“ auch völlig alltäglich sein, mag die Sorge der Hauptperson, der in die Pfütze gefallene Junge, das Erscheinen der Seminaristen völlig auf der Hand liegend, verständlich und einleuchtend erscheinen, ja mag sogar auch der Regen für alle ein tatsächlicher sein, für Leone sind sie in seinen Gefilden der Kunst nicht, denn in den Jahren seiner „Abwesenheit“ aus der Realität der tatsächlichen Wirklichkeit und der „Neorealität“ dieser „realen“ Kunstsicht, haben sie in den Mühlen der Gedanken von Leone eine totale inhaltliche Wandlung erfahren. Leicht zu entdecken ist es allerdings nicht, denn diese Allerweltsmotive, Kind, alltägliche Sorge, Seminaristen, Regen kommen auch bei Leone als solche vor, erst bei der Aufdeckung ihre durch Leone zugeeigneten Inhalte ist zu entdecken, was Leone der „neorealistischen“ und jeder realistischen Weltsicht entgegengesetzt hat, nämlich seine eigene künstlerische Weltsicht.

 

Siehe Fortsetzung der Umarbeitung Leones bei „Für ein paar Dollar mehr“, Kapitel: Von der Strasse in die Kirche

 

 

 

 

 
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Andreas Stern, e-mail: andreas5stern@aol.com

 

Seiteneröffnung: März 2009

Letzte Änderung: 01-März-2016, Spiel mir das Lied vom Tod, Die Kunst Leones, 2. Leones Kunst der Gegensatzdramaturgie